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05.10.2020

IT-Wissen zu Plattform-Technologien für Entscheider in der Fertigungsindustrie

Welche digitale Plattform braucht mein Unternehmen?

Bewirken Ihre Investitionen in die Digitalisierung, was Sie sich vorgenommen haben? In der Fertigungsindustrie hängt bei dieser Frage viel von der Modellierung der digitalen Plattform ab, die in Ihrem Unternehmen durchgängige Prozesse ermöglichen soll. Nur wenn Sie die wesentlichen Aspekte dieser Technologien verstehen, können Sie informierte Entscheidungen treffen.

Digitale Plattformen sind ein zentraler Baustein für die Digitalisierung in der Fertigungsindustrie:

  • Wichtige Unternehmensziele werden erst durch die erfolgreiche Anwendung dieser Technologien erreichbar.
  • Viele Investitionsentscheidungen hängen damit zusammen oder nehmen darauf Einfluss.  

Trotzdem scheint gerade dem Management die notwendige Übersicht zu diesem IT-Thema noch zu fehlen, wie eine repräsentative Umfrage des Branchenverbands Bitkom unter Geschäftsführern und Vorständen deutscher Unternehmen erneut ergeben hat. Danach hat jeder zweite nur eine ungefähre Ahnung, was sich mit Begriffen wie „Plattform-Ökonomie“ und „digitale Plattformen“ verbindet. Jeder vierte gibt an, noch nie etwas davon gehört zu haben.

Gewiss sähen diese Zahlen weniger dramatisch aus, wenn man die Befragung auf die Fertigungsindustrie beschränkt hätte. Wir können aber getrost davon ausgehen, dass Bitkom auch dort Wissenslücken aufspüren würde.

Denn es gehört herkömmlicherweise nicht zur Rolle der Leitungsebene, sich selbst zum Experten in aktuellen IT-Fragen zu machen. Das Management gibt vielmehr die Ziele und eine klare Erwartungshaltung vor und beauftragt auf dieser Basis die zuständigen Teams, die beste Lösung zu finden und umzusetzen.

Ganz so arbeitsteilig wird sich das nicht mehr durchhalten lassen. Entscheidern geht es wie fast allen Berufstätigen heute: Für eine erfolgreiche Erfüllung ihrer Aufgaben ist es hilfreich, sich mit zentralen IT-Bausteinen der Digitalisierung vertraut zu machen.

Ein Prozess-Ingenieur profitiert von Basiswissen in Softwareentwicklung oder Machine Learning. Einem Vorstand oder Geschäftsführer nutzen Kenntnisse zu IT-Lösungen, die zentrale Geschäftsprozesse unterstützen und dazu zählen digitale Plattformen.

Wir stellen im Folgenden Fragen und Antworten zusammen, die das Thema grundlegend beschreiben. Unsere Experten unterstützen Sie gerne dabei, die Aspekte zu vertiefen, die für Ihr Unternehmen besonders relevant sind.


Plattformökonomie, Digitale Plattform, Digitaler Backbone, Digitale Kontinuität – was bedeuten die Begriffe und wie hängen sie zusammen?

Im Zeitraffer weniger Jahre haben wir einen fundamentalen Wandel erlebt: von einem „linearen, ressourcenlastigen, herstellergetriebenen Industriemodell zum nachfragegetriebenen, mehrseitigen Plattform-Modell“ (World Economic Forum).

Apple, Amazon, Alphabet (Google) und Alibaba sind die führenden Protagonisten eines Wirtschaftslebens, in dem digitale Plattformen der wesentliche Grundstoff des Geschäftserfolgs sind.

Um dieses Phänomen zu beschreiben, hat sich der Begriff der Plattformökonomie etabliert.

Typische Geschäftsmodelle der Plattformökonomie sind:

  • das „Matchmaking“, das heißt die Vermittlung zwischen Anbietern und Nachfragen von Services. Damit sind AirBnB, Uber oder Alibaba groß geworden. Bisher hatten die Betreiber selbst keine Assets, wobei sich das interessanterweise ändert: „Das Digitale wird immer analoger“, notierte das manager magazin dazu.
  • die On-demand-/Pay-per-use-Bereitstellung von Assets oder Dienstleistungen; Anbieter wie Amazon, Microsoft und IBM vermarkten so zum Beispiel ihre Cloud-Anwendungen (ausgelegt als Software as a Service, Platform as a Service oder Infrastrucure as a Service). In einer Zukunft des autonomen Fahrens könnte Mobilität in dieser Weise abgerechnet werden: Kunden kaufen keine Stahlkarosse, sondern bezahlen für eine komfortable Fortbewegung mit Zugriff auf Arbeits- oder Entertainment-Angebote für unterwegs.

Digitale Plattformen bilden die Infrastruktur dieser Geschäftsmodelle. Dabei ist jede digitale Plattform zunächst einmal eine IT-Architektur, die „Datengenerierungen, Datenstrukturierungen und Datenaustauschformate auf Basis technischer Standards“ (VBW) ermöglicht.

Als „digitaler Backbone“ verbindet diese IT-Architektur in digitaler Kontinuität alle Akteure und Aktionen, die an der Wertschöpfung mitwirken.


Welche Aufgaben und Nutzen haben digitale Plattformen in Fertigungsunternehmen?

Je höher der digitale Reifegrad, umso wahrscheinlicher ist es, dass im Unternehmen mehr als eine digitale Plattform zum Einsatz kommt.

Das können gleichzeitig eigene und fremde Lösungen sein, wie die Bestandsaufnahme des VBW unter Industrieunternehmen ergeben hat.

Typische Einsatzgebiete sind:

  1. Transaktionsplattformen, etwa für Beschaffung und Vertrieb
  2. Datenzentrierte Plattformen, die zum Beispiel Closed-Loop- oder End-to-end-Systematiken unterstützen

Beispiele aus Beschaffung und Vertrieb (Transaktionsplattformen)

Was sich für die Beschaffung verändern lässt, macht das Projekt „Supplier Connect“ bei Linde Engineering anschaulich: beide Seiten, der Großanlagenbauer und seine Lieferanten, profitieren durch eine schlankere Projektdurchführung und bessere Datenqualität von der Möglichkeit zum Datentausch.

Um mit einer digitalen Plattform vertriebsseitig neue Geschäftsmodelle zu etablieren, muss sie über die Unternehmensgrenze hinausragen. Mit dem digitalen Zwilling des Produkts kann ich zum Beispiel andere Abrechnungsmodelle etablieren, meine Position als Systemanbieter stärken oder mein Angebot um neue Servicemodell erweitern.

Zum Stichwort Digitaler Zwilling muss man sagen: Dieses Konzept setzt in allen Umsetzungen die entsprechende Plattform voraus. Ganz gleich, ob virtuelle Inbetriebnahme oder Predictive Maintenance – ein durchgehender „Digital Thread“ muss gegeben sein.

Verbundene Prozesse erhöhen die Wertschöpfung (datenzentrierte Plattformen)

Eine wichtige Nutzendimension datenzentrierter Plattformen sind „Closed Loop“-Szenarien: die Ergebnisse eines Prozesses fließen als Eingangsdaten in die Wiederholung des Ablaufs ein (Closed Loop/geschlossener Kreislauf). Der Regelkreislauf verbessert das Gesamtergebnis, ganz gleich, ob es sich um Effizienz in der Fertigung oder um die Kundenorientierung handelt.

Nun kann man natürlich auch mit der Checkliste auf dem Klemmbrett zum Kollegen gehen oder die Feedback-Routine per Dateneingabe in eine Excel-Liste abarbeiten. Aber effizienter und sicherer (Datenqualität), funktioniert die Rückkopplung per digitaler Plattform. Und nur so kann ich Regelungsprozesse auch automatisieren (siehe Fernziel autonome Fertigung).

Wer in seinem Unternehmen Entwicklung, Qualitätsmanagement und Produktion per Plattform verbindet, kann Fertigungsprozesse qualitätsbezogen steuern und regeln, wie der CENIT-Experte Armin Schöne in seinem Beitrag Toleranzanalyse: Von Excel zum digitalen Qualitäts-Zwilling schreibt.

Unser FASTSUITE-Team macht in einem aktuellen Szenario anschaulich, was sich verändert, wenn die Workflows der Entwicklungsabteilung mit der Schweißfertigung verbunden werden.


Unsere Geschäftsprozesse werden von verschiedenen IT-Lösungen unterstützt. Wie stelle ich Kontinuität her?

Über die vertikalen und horizontalen Prozesse eines Fertigungsunternehmens hinweg kommen mit ziemlicher Sicherheit mehrere IT-Lösungen zum Einsatz. Darunter sind Systeme, die man als digitale Plattformen beschreiben würde.

Auch nach einer Modernisierung der IT-Architektur mit zukunftsfähigen End-to-end-Lösungen zum Beispiel unserer Partner Dassault Systèmes und SAP bleibt es oftmals dabei, dass Geschäftsprozesse in unterschiedlichen IT-Systemen aufgerufen und bearbeitet werden.

Für diese Herausforderung gibt es die Option, eine geeignete Integration zu implementieren. Dabei ist es wichtig, wie Horst Heckhorn in einem aktuellen Beitrag betont, dass nicht nur der Datenfluss sondern auch die Prozesse durchgängig gemacht werden.

Dazu muss Ihr Integrations-Partner up-to-date sein, denn die IT-Landschaft verändert sich enorm schnell. Bei CENIT investieren wie kontinuierlich in unsere Tool und unsere Teams. Deswegen sind wir auch auf Plattformen in hybriden Architekturen vorbereitet.

Für Fertigungsunternehmen gut zu wissen: CENIT hat die von SAP empfohlene Lösung für die Verbindung zwischen SAP und 3DEXPERIENCE entwickelt, die Sie als Solution Extension auf der Preisliste von SAP finden.


Welchen Vorteil hat es, digitale Plattformen, über die Cloud zu nutzen? Und wann brauche ich keine Cloud-Anbindung?

Der Siegeszug von Marktplatzangeboten im Consumer-Bereich wurde erst durch Cloud-Dienste möglich. Und auch für betriebliche Prozesse gehört die Cloud jetzt zum IT-Alltag.

Das Fachportal industrie.de zitiert die neusten Zahlen von KPMG, wonach mehr als drei von vier Unternehmen (76 Prozent) im Jahr 2019 Rechenleistungen aus der Cloud genutzt haben.

Bei jedem Cloud-Dienst sind Fragen zur Qualität der Datensicherheit oder zur DSGVO-Compliance zu stellen. Aber anders als noch vor ein paar Jahren, ist heute den meisten Entscheidern bewusst, dass Cloud-Anbieter mehr in die Gefahrenabwehr und stabile Strukturen investieren als viele Mittelständler.

Und dann sind da eben die Vorzüge der Cloud, die für viele IT-Themen ganz neue Dimensionen eröffnen. Das gilt auch für digitale Plattformen.

  • Die Nutzer arbeiten jederzeit mit Software auf dem neusten Stand.
  • Prozesse lassen sich leicht unternehmensweit für alle Nutzer ändern, weil jeder dieselbe Lösung nutzt (Software im Standard).
  • Neue kollaborative Workflows sind für die IT einfach einzurichten und für die Nutzer komfortabel zu bedienen.
  • Die Plattform kann skalierbar um neue Nutzer erweitert werden.
  • Die Kostenstruktur der IT verbessert sich, weil u. a. Aufwände für Infrastruktur und Programmpflege sinken.

Pluspunkte wie diese gewinnen an Gewicht. Auch wir bei CENIT registrieren das steigende Interesse: Für die Lösungen von Dassault Systèmes beispielsweise erwartet Martin Thiel, Senior Vice President ww 3DS-PLM, dass die CENIT Gruppe bis zum Jahr 2025 die Hälfte der Software als Cloud-Lizenzen verkauft.

Welche IT-Architektur Unternehmen letztlich mit Cloud-Diensten schaffen, variiert und differenziert sich immer weiter aus. „Die“ Cloud gibt es in diesem Sinne eigentlich nicht. Sie können die Private Cloud mit Angeboten aus der Public Cloud und OnPremise-Systemen kombinieren. Werden diese Dienste in einem gemeinsamen System verwaltet, spricht man von der Hybrid Cloud (NIST-Definition der Bereitstellungsmodelle).

„Der Begriff »Hybrid« ist aus meiner Sicht sehr gut gewählt und verdeutlicht, dass die frühere Sorge von Anwendern, sich abhängig von einem einzigen Cloud-Anbieter zu machen, obsolet ist“, schreibt André Vogt, Senior Vice President Enterprise Information Management in einem aktuellen Fachbeitrag für die Zeitschrift Manage IT.

Kommt eine digitale Plattform auch heute noch ohne Unterstützung aus der Cloud aus? Ja, das geht. Es kommt auf den Wertbeitrag an, der sich erzielen lässt. Die Entscheidung, welche Ebenen, Bestandteile oder Prozesse einer digitalen Plattform mit Cloud-Diensten verbunden sein sollen, muss sich an der Wertschöpfung orientieren.

Die Frage ist allerdings, welche Haltbarkeit das „No Cloud“-Verdikt hat, wenn man sich klar macht, wie grundlegend Konnektivität die Industrieproduktion durchdringt. Und noch ein Gedanke dazu: Ist es heute ehrlicherweise überhaupt noch möglich, alle Prozesse on-premise zu halten? Die Aussage, „wir machen nichts mit der Cloud“, endet womöglich spätestens auf den Handys des Vertriebsteams.


Worauf kommt es an, damit der Betrieb der digitalen Plattform ein Erfolg wird?

„Geschafft“, sagen Sie, Ihre neue oder erweiterte Plattform ist live. Und jetzt? Zum Erfolg wird Ihr Projekt, wenn Sie diesen Meilenstein nutzen, um den nächsten zu erreichen.

  • Der „Digital Thread“ besteht zwar aus Bits und Bytes aber er hängt von Menschen ab und die brauchen Unterstützung. Sie müssen Ihre Mitarbeiter ausbilden, weiterbilden und immer wieder motivieren. Es gilt, die Veränderungen der digitalen Transformation auch als Wandel der Zusammenarbeit zu realisieren. Von der Chefetage bis zum Pförtnerhaus. Wenn Sie wollen, nennen Sie das „New Work“.
  • Sie haben eine digitale Plattform, aber „alles“ werden Sie kaum verbunden haben. Also stellt sich die Frage, welche Anwendungen oder Datensilos als nächstes integriert werden sollten. Geht es mehr um die letzte Meile zu den „Edge Devices“ oder soll der Anschluss an das Strategie-Cockpit des Managements erreicht werden?


Besteht die Möglichkeit, eine Plattform abschnittsweise zu implementieren?

Die Frage sollte eher umgekehrt lauten: Können Unternehmen ihre digitale Plattform als großen Wurf anlegen und live schalten? Denkbar ist das, aber wohl eher bei Start-ups oder separaten Greenfield-Projekten.

Aus unserer Sicht sollte die Einführung oder Weiterentwicklung einer digitalen Plattform Meilensteine vorsehen, die bereits zur Wertschöpfung beitragen.

Think big, start small“ ist ein Rat, von dem unsere Kunden bereits in vielen CENIT-Projekten profitiert haben.

Dieser Ansatz passt auch zum heutigen Verständnis von effizienten IT-Projekten. Im schnellen Sprint zum ersten Dummy und diesen Stand mit den Stakeholdern abstimmen, passt besser in die Zeit, als 100-Prozent-Lösungen, die erst lange dauern und dann bei Fertigstellung schon wieder veraltet sind.

Denn weder kann man die Digitalisierung abwarten noch ausentwickeln. Besser ist, loslegen und dranbleiben!

 

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